Liebe Leserin, lieber Leser,

Pech gehabt. Leider hinten runtergefallen. So kann es einem ergehen, wenn man nur eine kleine Gruppe ist. Etwa 10 Millionen Schülerinnen und Schüler gibt es in Deutschland. Davon sind 7.500 blind oder sehbehindert und eine weiterführende Schule besuchen vielleicht 1.000 blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler. Eine verschwindend kleine Gruppe. Und die kann man leicht aus dem Auge verlieren. Vor allem, wenn es um etwas so Großes geht wie die Reformierung der Eingliederungshilfe. Die hatte bisher die Zugangsmöglichkeiten und Finanzierungen unserer Schülerinnen und Schüler geregelt. Bundesteilhabegesetz (BTHG) heißt dieses Mammutprojekt von Bund und Ländern. Noch in diesem Jahr soll es verabschiedet werden. 700 Seiten umfasst der Gesetzentwurf. Und da kann schon mal was übersehen werden.

Oberstufenklasse der blista beim Biologieunterricht

Die blista hat in den letzten 100 Jahren tausende von blinden und sehbehindertenjungen Menschen zum Abitur oder Fachabiturgeführt und ihnen damit den Einstieg in eine erfolgreiche Zukunft ermöglicht. Dies wird für zukünftige Generationen auf der Basis des vorliegenden Gesetzentwurfes nicht mehr möglich sein. Um zwei Beispiele zu benennen: Bislang regelt die Eingliederungshilfe Verordnung, dass sehbehinderte Menschen mit einem Sehvermögen von bis zu 30 % Zugang zur Eingliederungshilfe haben. Diese automatische Zugangsberechtigung wird im BTHG ersatzlos gestrichen. Sehbehinderte Schüler müssen belegen, dass sie in mindestens fünf Lebensbereichen erheblichen Unterstützungsbedarf haben, sonst erhalten sie zukünftig keine Leistungen der Eingliederungshilfe.

Bisher wurden Hilfen nicht nur während der Schulpflicht, sondern auch für den Besuch einer weiterführenden Schulbildung gewährt. Im Rahmen des Kabinettsentwurfs wurden die weiterführenden Schulen aus dem Gesetzestext gestrichen. Ausführlicher werden einige der gravierendsten Änderungen in dieser blista-news erläutert. Unsere Kinder und ihre Eltern würden zu eindeutigen Verlierern des neuen Bundesteilhabegesetzes. Das kann vom Gesetzgeber nicht gewollt sein und scheint mir eher ein Versehen, da im ursprünglichen Gesetzesentwurf viele Fördermöglichkeiten noch enthalten waren, die jetzt gestrichen sind.

Ich wende mich heute mit der dringenden Bitte an Sie, mit uns bei den anstehenden politischen Beratungen dafür zu streiten, dass sich die Lebensbedingungen für blinde und sehbehinderte Menschen nicht verschlechtern, sondern dass mehr gesellschaftliche Teilhabe möglich wird. Und da ist es manchmal auch sehr vorteilhaft, wenn der Personenkreis klein ist. Einen entsprechenden Musterbrief, den Sie an politische Entscheidungsträger senden können, und weitere Informationen finden Sie unter www.blista.de/BTHG. Für die Zukunft unserer Kinder gilt es, dass wir uns für deren Belange Gehör verschaffen.

Ihr Claus Duncker

Sollen Blinde wieder Bürstenbinder werden?

Bundesregierung plant drastische Verschlechterung der Bildungschancen

Wenn man den Kabinettsentwurf des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) liest, mag man seinen Augen nicht trauen. Statt der angekündigten Verbesserungen, insbesondere im Bereich der Selbstbestimmung und Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung drohen jetzt unter anderem im Bildungsbereich dramatische Verschlechterungen für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler. So fehlt im Gesetzentwurf der Verweis, dass blinde oder sehbehinderte Jugendliche nach Beendigung der Schulpflicht beim Besuch einer „Weiterführenden Schule“ ein Recht auf Förderung durch die Eingliederungshilfe haben. Stellt sich die Frage, wer dann die speziellen Lehrmaterialien und Hilfsmittel, die Unterstützung durch Förder- und Beratungszentren oder den Besuch eines speziellen Bildungszentrums wie der blista zahlen soll. Sozusagen im „Kleingedruckten“ der Gesetzesbegründung findet sich eine weitere Stolperfalle auf dem Weg zum qualifizierten Schulabschluss. So wird entgegen aller Lippenbekenntnisse für mehr Selbstbestimmung das Wahlrecht der Eltern und Jugendlichen zur Schulwahl nicht etwa gestärkt, da diese Entscheidung auch zukünftig weitgehend bei den abgebenden Schulen liegt. Ganz besonders düster könnte die Zukunft für sehbehinderte Schülerinnen und Schüler werden, da jeder Einzelne nach dem Willen der Bundesregierung in mindestens fünf Lebensbereichen beweisen muss, dass er massive Unterstützungsbedarfe hat, um überhaupt Leistungen aus der Eingliederungshilfe zu erhalten. Wer aber weiß, und das war bisher absolut unstrittig, dass eine massive Seheinschränkung gerade in Schule und Ausbildung erhebliche Schwierigkeiten bei der Wissensaufnahme und -verarbeitung oder Kommunikation mit sich bringt, ob wohl der sehbehinderte Jugendliche ansonsten seinen Alltag vielleicht ziemlich selbstständig meistert und somit keine fünf Lebensbereiche mit besonderen Schwierigkeiten nachweisen kann, kann sich die katastrophalen Folgen leicht ausmalen. Er erhält keine besondere Förderung und Hilfsmittel mehr und bleibt im Zweifelsfall einfach auf der Strecke.

Das pädagogische Konzept der blista besteht seit jeher darin, Fähigkeiten und Selbstständigkeit zu fördern. Dies war in der Vergangenheit äußerst erfolgreich. Jetzt soll sich der Einzelne möglichst hilflos darstellen, als wäre eine massive Seheinschränkung in unserer äußerst visuell dominierten Gesellschaft nicht schon Herausforderung genug. Das kann, wie es Claus Duncker in seinem Editorial bereits betont hat, eigentlich nicht der Wille von verantwortungsbewussten Politikerinnen und Politikern in Bund und Ländern sein. Keiner kann ernsthaft Interesse daran haben, dass blinde und sehbehinderten Jugendlichen der Zugang zu qualifizierten Berufen im IT-Bereich, als Juristen oder BWLer praktisch verwehrt oder zumindest massiv erschwert wird und sie wieder, wie vor 100 Jahren, Bürstenbinder oder Korbflechter werden müssen. Nutzen Sie Ihre Kontakte und schreiben Sie an Ihre Bundes- und Landtagsabgeordnete. Bringen Sie Ihre Sorge um die Zukunft blinder und sehbehinderter Kinder zum Ausdruck. Einen entsprechenden Musterbrief und weitere Informationen, Stellungnahmen und konkrete Vorschläge, wie die entsprechenden Paragrafen im geplanten Bundesteilhabegesetzt abgeändert werden müssen, finden Sie unter www.blista.de/BTHG. Da das Gesetz noch in diesem Herbst verabschiedet werden soll, drängt die Zeit. Helfen Sie mit, dass auch zukünftige Generationen blinder und sehbehinderter Kinder eine echte Chance in Schule und Beruf haben!

Rudi Ullrich

Informationen und Materialien zum Bundesteilhabegesetz

Auf dieser Seite finden Sie Informationen zum geplanten Bundesteilhabegesetz (BTHG), die vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) erarbeitet und zusammengestellt wurden.

Unsere Hauptforderungen an das BTHG

  1. Blinde und sehbehinderte Menschen im Bundesteilhabegesetz berücksichtigen! (PDF-Dokument)
  2. "Blinde gehen baden" - Handzettel und Handzettel in einfacher Sprache (PDF-Dokument)
  3. Unsere konkreten Änderungsvorschläge für das Gesetz (Word-Dokument)

Bitte helfen Sie mit, dass der Gesetzesentwurf in der jetzigen Form nicht umgesetzt wird. Wenden Sie sich zum Beispiel mit dem Musterbrief an Ihre Bundestagsabgeordneten und weisen Sie auf die gravierenden Nachteile u.a. für die Ausbildung blinder und sehbehinderter Kinder hin.
Aktuelle Informationen über den Fortgang des Gesetzesvorhabens und weitere Protestaktionen finden Sie auch auf
http://www.dbsv.org

UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung

die 2008 auch in der Bundesrepublik Deutschland ratifizierte UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung bietet viele Chancen und Herausforderungen. Mit dieser Internetseite wollen wir informieren, die Diskussion anregen und an einigen Beispielen zeigen, was wir unternehmen, um die Lebenssituation für sehbehinderte und blinde Menschen zu verbessern.
Als Einrichtung, die maßgeblich von der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe getragen wird, steht dabei nicht der Gedanke von Barmherzigkeit oder Mitleid im Vordergrund, sondern das Bemühen um eine möglichst gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen auf Augenhöhe.

Denn eine „Zukunft auf Augenhöhe” für blinde und sehbehinderte Menschen jeden Alters ist eine der zentralen Ziele der Deutschen Blindenstudienanstalt e. V. (blista) in Marburg. Seit ihrer Gründung während des Ersten Weltkrieges 1916 hat sie sich zu einem der weltweit führenden Bildungs-, Rehabilitations- und Medienzentren für sehbehinderte und blinde Menschen entwickelt. Unter einem Dach beherbergt sie die Carl-Strehl-Schule, das einzige grundständige Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte in Deutschland, ein Internat, in dem die Schülerinnen und Schüler in familiären Wohngruppen leben und die Rehabilitationseinrichtung RES mit ihren vielfältigen Fachdiensten.

Mit ihrer Deutschen-Blindenbibliothek und ihrer Braille-Druckerei leistet sie einen wesentlichen Beitrag, blinden Menschen durch die Produktion und Ausleihe von Büchern und Zeitschriften in Punktschrift und auf Tonträgern den Zugang zu Informationen zu ermöglichen.

Die Beratung und Schulung im Umgang mit elektronischen Hilfsmitteln, die Ausbildung von Rehabilitationslehrern, die Frühförderung bis zum Schuleintritt, die Betreuung blinder und sehbehinderter Kinder an Regelschulen oder die Ausbildung zu IT-Fachleuten sind weitere Beispiele für das vielfältige Angebot. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit und für blinde und sehbehinderte Menschen hat sie verschiedene Informationsdienste für Betroffene, Angehörige und Fachleute aufgebaut. Ihr breites Spektrum an Fortbildungen wird sowohl national als auch international intensiv genutzt.

Nachdem nun die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Dezember 2006 den Text der Menschenrechtskonvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kraft gesetzt und der deutsche Bundestag und Bundesrat dem Ratifikationsgesetz Ende 2008 zugestimmt haben, ist die Konvention seit dem 26. März 2009 für die Bundesrepublik Deutschland völkerrechtlich verbindlich.

Doch was heißt das eigentlich im Alltag, ergeben sich daraus konkrete Rechte für den Einzelnen oder handelt es sich um eine rein politische Willenserklärung? Muss man sich intensiv mit dieser Konvention auseinandersetzen oder wird sie, wie frühere UN-Konventionen, nach dem Motto „Papier ist geduldig”, schnell wieder in der Schublade verschwinden?

Die Diskussion der letzten Monate deutet darauf hin, dass die Konvention eine erheblich stärkere Dynamik entwickelt als von vielen erwartet. An dieser Diskussion wollen wir uns aktiv beteiligen.

Claus Duncker
Direktor der Deutschen Blindenstudienanstalt e.V.

Auf dieser Seite können Sie die vollständige Resolution der UN im Word- und PDF-Format herunterladen.

Download UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung

Für Rückfragen oder weitere Informationen stehen wir Ihnen unter info@zukunft-auf-augenhoehe.de gerne zur Verfügung.

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